Nostalgie oder Notalgie

Der Häkelhut…
ach, was wären wir ohne ihn?

Im Badezimmer meiner derzeitigen Unterkunft steht er, der Häkelhut. Er behütet eine Rolle Zellstoffpapier zum abputzen für den Allerwertesten.

Warum sagt man „den Allerwertesten“ zum Arsch? Was für eine Bewertungsspannbreite dieses Körperteil doch hat…

In den 60ger und 70ger Jahren begann man es schick zu finden, Toilettenpapier zu umhäkeln. Irgendwie ein auffälliges Zeichen für Konsumlangeweile oder so.
Das „Wirtschaftswunder“ war soweit gewachsen, dass es sich wie ein dickes Kind vor dem Fernseher zu lanweilen begann. Der Krieg war vorbei – die Narben wunschwütig mit allerlei bunten Pflastern überklebt worden. So bewegt es sich schlechter…
Heute noch kaufen wir Schnäppchen, legen Vorräte für schlechte Zeiten an, wollen „keine Umstände“ machen, versuchen Fassaden von Ordung und Rechtschaffenheit vor unsere Scheiter(n)- Haufen zu setzen. Wir sind immer noch die Kinder, die nach Johanna Haarer erzogen wurden – auch, wenn sie später durch die „Supernanny“ abgelöst wurde. Wir glauben, dass „Neu“ besser als „Alt“ ist, dass man sich Liebe oder Zuwendung verdienen muss oder kann und dass Leistung unweigerlich zu Anerkennung und Erfolg führt – andernfalls wäre man faul oder falsch und beides ist gefährlich – man könnte erschossen werden oder ausgeschlossen …
Wir zappen uns durchs Leben und versuchen „etwas aufzubauen“ – um „(wieder) jemand zu sein“ – und heute hat mir die 89 jährige Besitzerin eben dieses Häkelhutes mitgeteilt, „dass sie vom Krieg nicht traumatisiert waren“.
Ihre folgenden Geschichten erzählten, Satz für Satz vom Gegenteil.
Auch das ist dem (transgenerationalen) Trauma immanent wir spüren seine Fesseln nicht… „uns geht’s ja noch Gold“…
Was würde er erzählen der unsägliche Hut – welches Scheißhauspapier behütet er da? Und welchem Arsch wurde es wohl einst zum putzen bereitgestellt?