Rilke sagt: „Wenn die Sehnsucht größer ist als die Angst, wird Mut geboren. Ohne Sehnsucht machen wir uns nicht auf den Weg“.
Jutta Heinrich, eine Schriftstellerin aus Hamburg, bei der ich vor einigen Jahren in einer Schreibwerkstatt war, sagte einmal, dass sie eine sei, die ihr ganzes Leben „Sehnsucht mit Dasein“ verwechselt hat.
Sehnsucht ist ein Band, welches uns mit einem anderen Ort, einer anderen Zeit oder einem anderen Zustand verbindet. Sie ist – oft schmerzlich – im Körper spürbar.
Eine Art Unruhe, die an uns zieht und den Fokus lenkt, die bisweilen sehr stark einengen kann. Wie spüren Sie ihre Sehnsucht und worauf richtet sie sich?
Wir sehnen uns nach Lebendigkeit, nach Verbundenheit, nach Sicherheit oder Freiheit, bisweilen nach allem zugleich. Sehnsucht kann zur Sucht werden, zu einem Surrogat für Dasein. Dann verlieren wir den Kontakt zu uns selbst, zu dem Ort, der Zeit oder dem Zustand, in dem wir uns gerade, also JETZT befinden. Dann verlieren wir uns im Sehnen, im Suchen, in Sucht.
Rufen wir uns dieses imaginäre Band in den Sinn und spüren, wo im Körper es uns verbindet, dann können wir den Zug der Sehnsucht spüren und uns von der überflutenden Identifizierung lösen. Dann sind wir nicht mehr nur Sehnsucht, sondern spüren die Kraft der Träume, die Kraft, die uns den Mut gibt, uns auf den Weg zu machen.
Ein kleiner Gedankenimpuls, eine Idee… Was denken Sie?
In meiner Studienzeit gab es einen Klassiker der sich „Grundformen der Angst“ nannte, in Anlehnung an diesen Titel möchte ich mich hier den Grundformen der Liebe zuwenden.
Jeder Mensch benötigt einen liebevollen Blick um ins Lebendige zu wachsen. Einen wohlwollenden, versönlichen Blick der sagt: „schön, das du da bist, schön, das es dich gibt“. Im Film „Alice im Wunderland“ von Tim Burton sagt Alice zum Hutmacher: „Danke für dein Du sein“, das drückt es für mich sehr gut aus.
An einer anderen Stelle sagt der Hutmacher zu Alice: „Du bist nicht Du“ und wirft sie wütend aus seinem Haus, weil er sich von Alice verraten fühlt, als sie ihm nicht glaubt, dass er tief in seinem inneren weiß, dass seine Familie noch lebt. Sie glaubt ihm nicht, sie verletzt ihn zutiefst, weil sie ihm nicht glaubt, was er fühlt.
Das einem „geglaubt“ wird, dass man mit seinen ganz eigenen Empfindungen, Gefühlen und Bedürfnissen gesehen und akzeptiert wird, ist ein Grundbedürfnis in Beziehungen. Es gibt uns Sicherheit wenn wir uns verstanden fühlen.
Nicht gesehen, nicht beachtet zu werden, vielleicht in seinem Sein sogar ignoriert oder gar verachtet und bekämpft zu werden verletzt Menschen zutiefst.
Joachim Bauer hat in seinem Buch „Schmerzgrenze“ wissenschaftlich erforscht und belegt, was innerer Schmerz bewirkt, er löst unweigerlich Agressionen bzw. Flucht oder Angriffsverhalten aus.
In der Traumatheorie geht man im Verletzungsfall davon aus, dass es vier mögliche Reaktionsweisen auf Gefahr gibt: Verteidigung durch agressiven Angriff, Flucht, erstarren bzw. dissoziieren, also nicht wahrnehmen und Unterwerfen.
Bei der Verteidigung durch Angriff werden Gefühle von Wut oder Rage, Jähzorn, Hass, Rache oder Verachtung ausagiert. Bei der Flucht kann es neben dem Verlassen der Situation auch Ablenkung, Sucht oder innerer Rückzug sein, Angst und Panik, aber auch Scham und Vermeidung gehören dazu. Das Erstarren ist eine Art Verkrampfung, die sich durch ein schnelles Hin und Her zwischen Flucht und Angriff ergibt, die schließlich in einer Überlastung des gesamten Organismus münden kann. Die dann erfolgende Dissoziation ist eine Schutzreaktion des Nervensystems bei der quasi die „Sicherung heraus fliegt“ oder „das Notfall Schot fällt“. Menschen werden müde, unkonzentiert, haben das Gefühl sich und die Situation von außen zu betrachten, sie nehmen nicht mehr war, was da zu schnell, zu viel und zu plötzlich auf sie zu gekommen ist. Dissoziation ist eine „passive“ Anpassung an die überfordernden Umstände. Die vierte Reaktion der Unterwerfung ist dagegen eher eine aktive, aber dennoch durch Ignoranz geprägte Reaktion. Es findet eine Überanpassung statt bei der man quasi will, was man soll. Man identifiziert sich mit dem Agressor und schlägt mit ihm oder ihr in die gleiche Kerbe. Man versucht in eine Art Übererfüllung zu gehen, passt sich ganz dem Außen an, ist lieb und freundlich, nimmt die eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahr und geht so permanent über die eigenen Grenzen bzw. wird grenzenlos. Eine Marionette, die durch unterwerfung zu gefallen sucht, um weiteren Angriffen zu entgehen.
Fehlt der liebevolle Blick und tritt an dessen Stelle das Erleben von Verrat, Gewalt, Ignoranz, Beschämung oder Verachtung dann hat dies fatale Folgen auf ein Leben. Sucht man dann noch Schutz bei einer nahen Bezugsperson und erlebt, dass diese einen ebenso verrät dann gerät das ganze System in höchste Not und eine oder mehrere der oben beschriebenen Reaktionsweisen werden notwendig ausgelöst.
Dies ist der Grund warum Menschen gemein und agressiv sind, dies ist auch der Grund warum manche Menschen auf das Zeigen von Bedürfnissen, Liebe oder Verständnis anderer überfordert sind. Es erinnert sie bzw. ihren Organismus an sehr alte Traumata und der alte Schmerz von „damals“ macht Anstalten in die Wahrnehmung zu drängen. Unruhe entsteht, Unruhe die sich sehr unangenehm anfühlt und quasi vorbewusst auf eine nicht verheilte Wunde hinweist.
Diese Menschen wehren sich gegen einen „alten Demonen“, der in ihnen wohnt und agieren nun selbst wie die, die sie einst, oft unbewusst, schwer verletzt haben. Die Spirale von Lieblosigkeit und Gewalt dreht sich weiter.
Die Tatsache dieses Schmerzes ist so unerträglich, dass selbst die oben genannten Tatsachen gern mit Lächerlichkeit negiert oder gar bekämpft werden. Zumindest so lange, wie man keinen Ausweg für sich und andere gefunden hat.
Es gibt sie, die Auswege, es sind Mitgefühl und Liebe, beide sind aber, schmerzlich vermisst, kaum zu ertragen für einen Menschen der sich in ihrer Ermangellung (er)lebt. Ein Teufelskreis den es behutsam, geduldig und mit Ausdauer zu überwinden gilt, wenn wir Glück, Frieden und Zufriedenheit ersehnen.
Dieser zärtliche Blick der sagt: „Du bist du und es ist toll, dass du da bist, das du du bist, das du lebendig bist“ ist eine wesentliche Grundform der Liebe. Aus ihr können freundschaftliche, führsorgliche und leidenschaftliche Liebe, Intimität, Schutz und Begeisterung erwachsen.
Es lohnt sich also den Mut aufzubringen und den „Demonen“, den „Drachen“ die Stirn zu bieten, ihnen mutig aber auch bedacht und liebevoll entgegen zu treten. Nicht töten sollst du den Drachen, auch nicht auf ihm reiten, nein, tanzen. Mal schnell, mal langsam, mal wild mal zärtlich, immer lebendig und verbunden, das ist Leben, Lieben, Sein. So zähmen Sie Ihren Drachen, alle Drachen, immer mehr. Die wichtigste und lohnenste Aufgabe eines Menschenlebens, so finde ich, was denken Sie?
Heute ist ein guter Tag zum tanzen! Und heute, das ist jetzt und jetzt das ist immer, jeden Augenblick neu, ewig, immer wieder, immer besser, immer mehr. Erst verzagt und vorsichtig, dann mutig und entschlossen und schließlich aus voller lachender Lebendigkeit.
Als ich diesen Satz einem Gegenüber sagte reagierte er irritiert und unverständig. In dem Gespräch war es darum gegangen, dass er mir nahelegte gut für mich zu sorgen. Ich bestätigte die Aussage mit dem Satz: „Genau, täglich Herzkristall putzen“…
Der Herzkristall ist eine Metapher. Sie folgt der Vorstellung, dass wir eine Art Wesenskern, eine Mitte, ein Zentrum in uns tragen. Diese Vorstellung einer inneren Mitte gibt es unter anderem im Buddismus. In meiner Vorstellung tragen wir einen Kristall, einen klaren Kern in uns, eine Kraftquelle, eine Art Archimedischen Punkt.
René Descartes soll den Satz „Ich denke also bin ich“ als einen solchen philosophieschen Punkt gesetzt haben. Ich möchte meinen Punkt tiefer setzen und sagen „Ich fühle, ich spüre also bin ich“.
Um in die Leichtigkeit des Lebendigen zu gelangen ist es also wichtig immer guten Kontakt zum innerne Kern zu behalten. Damit er leuchten und uns leiten, damit er Kraft geben und auch für andere sichtbar sein kann muss er „geputzt“, also gepflegt, poliert, gestreichelt, beachtet werden, am besten täglich.
Oft denken wir, dass der Alltag so herausfordernd ist, dass wir keine Zeit haben uns darum zu kümmern. Wenn man seinen Wagen nicht pflegt, dann läuft er schlechter, nimmt eventuell auch schaden, deswegen kümmern wir uns darum regelmäßig Öl nachzufüllen, zu tanken und ihn ab und an die Werkstatt zum Durchchecken zu bringen. Wieviel wichtiger ist es den Motor des Lebendigen, der Liebe selbst zu pflegen…
Gerade dann, wenn der Alltag schwierig ist benötigen wir unsere Kernkraft am meisten, daher ist es am klügsten dafür zu sorgen, dass man stehts an die innere Kraftquelle angeschlossen ist.
Heinricht von Kleist formuliert 1805 einen Brief mit dem Titel „Über die allmähliche Verfestigung der Gedanken beim Reden“ in dem er einen Freund rät: „Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen.“
Menschen leben in Narrativen, sie erzählen sich und anderen Geschichten über sich und die Welt, diese Geschichten erzeugen, ich möchte sagen, manifestieren unsere Realtität. Im Konstruktivismus nach Maturana und Varela (der Baum der Erkenntnis) wird der Begriff der Strukturkopplung gebraucht, wenn mehrere Menschen ein gemeinsames Narrativ bilden. Die daraus entstehenden Konstrukte und Selbstbilder beeinflussen dann rückbezüglich nicht nur unsere Sicht auf die Welt, sondern auch unsere Wahrnehmung. Es wird also in gewissem Sinne wahr, was wir mit unseren Erzählungen manifestieren.
In der Pädagogik ist bekannt, dass Kinder ein Gegenüber benötigen, damit sie ein episodisches Gedächtnis ihres Selbst bilden können. Es geht also nicht nur darum, dass sie Aufmerksamkeit für ihre Erzählungen erhalten, sondern auch darum, dass sie ein Feedback bekommen, aus dem sie dann ihre Geschichte und ihr Selbstbild konstruieren.
Was erzählen Sie sich über sich selbst? Was erzählen Sie anderen über sich und die Welt? Welche Werte manifestieren Sie? Welchen Focus setzen Sie?
Ich behaupte, dass es eher wahr ist, weil wir es erzählen und daran glauben, als dass wir es erzählen, weil es wahr ist…
Auf einer Karte las ich einmal folgenden Spruch: „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“ (Charles Reade 1814-1884)
Vielleicht kennen Sie das Bedürfnis, ein Erlebnis oder einen Gedankengang mit anderen zu teilen? In der Regel klären wir nicht nur unsere Gedanken, sondern auch unsere Gefühle in Begegnungen. Neue Erkenntnisse können entstehen, wir verfestigen unser Narrativ, finden Zugehörigkeit und Handlungsmöglichkeiten, wenn es gut läuft.
Auch Sie bestimmen in welcher Welt wir leben, jeden Tag, jeden Augenblick, jetzt!
Der Kern des Loslassens ist der Tod des Perfektionismus!
Im einem Lied der Ärzte heißt es „Du bist immer dann am besten wenns dir eigentlich egal ist“. Es ist wohl eine Binsenweisheit, dass vieles sich erst bewegt, wenn man es „losgelassen“ hat. Nur leider lässt sich die Seele nicht beschubsen. Etwas nur willentlich los zu lassen, um dann heimlich doch dran zu kommen funktioniert leider in der Regel nicht.
Reines Verdrägen oder angestrengte Ignoranz helfen leider nicht. Die Lösung heißt also: Sei falsch… – hab „Mut zur Lücke“ und löse den angestrengten ängstlichen Perfektionismus durch gelassenes Selbstverständnis. Ge(hen)lassen sein bedeutet, dass man sich seines bedingungslosen Selbstwertes nicht nur bewusst ist, sondern diesen ganz und gar verinnerlicht hat. Das braucht sehr viel Mut und noch mehr Vertauen, vertrauen ins Leben.
Der Kern des Perfektionismus besteht zum einen aus dem Mem, dass der Wert eines Menschen bedingt ist. Man hat also gelernt, dass man etwas tun oder sein muss, etwas haben oder können muss um dazu zu gehören, um geliebt oder gemocht zu werden, dies ist leider auch eine der Wurzeln des bisweilen problematischen Narzismus. Zum anderen wird dieser Kern des Perfektionismus aus der Angst vor dem Verlust der Zugehörigkeit und der Idee, dass man eben nicht „gut genug“ sein könnte gespeist. Leider auch eine sich selbsterfüllende Prophezeihung…
Es ist frühling, gib deiner Seele Zeit zum erblühen…
Benchmarking ist eine Managementmethode bei der Firmenprodukte und Strategien miteinander verglichen werden. Man vergleicht „sich“ mit dem besten Konkurrenten bzw. Mitbewerberunternehmen. Ziel ist es dabei heraus zu finden, was andere besser machen um sich selbst zu verbessern. Frei nach dem Motto „Das Bessere ist der Feind des Guten“.
Überträgt man allerdings dieses Denkmuster auf menschliche Beziegungen, dann kommt man in teufels Küche! Søren Kierkegaard sagt: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“.
Dahinter steckt vermutlich die Idee des bedingten Selbstwerts. Wenn wir „heimlich“ glauben, dass wir ein wertvoller Mensch sind, wenn wir „gut“ sind, wenn wir also unseren Selbstwert über unsere Eigenschaften definieren, dann besteht latent immer die Gefahr des Selbstwertverlustest.
Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht, was Ihren Wert ausmacht? Ist es ein „Können“ ein „Haben“ oder „Sein“? Diese Idee ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet, und hält sich daher hartnäckig im Hintergrund unseres Seins. Vielleicht hat es niemand explizit gesagt, aber es schwingt zwischen den Zeilen. Das Einzige, was dagegen hilft ist Bewusstsein, Reflexion und eine Entscheidung.
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt… nun müsste sie nur noch gelöst werden. Haben Sie sich schon einmal mit anderen verglichen und es hat sich nicht gut angefühlt, weil Sie sich geringer oder schlechter gesehen haben? Haben Sie sich schon einmal mit anderen verglichen und festgestellt, dass Sie sich gut gefühlt haben, weil Sie feststellten, dass sie „besser“, also wertvoller sind? Das ist im Ergebnis nicht dasselbe, aber dennoch ist es das gleiche Muster!
Haben Sie schon einmal einem Menschen ein kleines giftiges Kompliment gemacht indem Sie ihn oder sie verglichen haben indem Sie jemanden anderen abgewertet haben? Nach dem Motto, „Wie schön, dass du so unkompliziert bist, mit X ist es immer so schwierig“ o.ä. Das fühlt sich gut an, wenn man selbst nicht X ist, aber es setzt auch seltsame Maßstäbe. Darhin enthalten ist nämlich die Aussage: „Wenn du kompliziert bist, dann hab ich dich weniger gern, dann bist du weniger gut, also sei bitte nicht kompliziert (für mich)… Dieses Gift wirkt leise, ich vermute, dass auch Sie längst erlebt haben, wie gut und auch wie übel es sich auf den Selbstwert auswirkt, wenn sie verglichen werden.
Der Wert eines Menschen UND sein Recht auf Zugehörigkeit sollten niemals bedingt werden! Dennoch hat das Vergleichen natürlich seinen sinnvollen und berechtigten Platz, dann nämlich, wenn es darum geht immer näher an ein selbst gesetztes Ziel zu kommen… Mit diesem offenen Ende überlasse ich es Ihnen, was sie aus diesem kleinen Impuls machen, möge er wachsen und wunderbare Früchte tragen.
Søren Kierkegaard soll einmal behauptet haben, dass man das Leben vorwärts lebe, es aber erst rückwärts verstünde. Es kann ein sehr eigenartiges Gefühl sein, wenn eine Last einem mit einem Mal von den Schultern genommen wird. Vielleicht haben Sie einmal einen schweren Einkauf getragen, vielleicht war er so schwer, dass sie sich danach gesehnt haben ihn endlich los zu werden, vielleicht war er aber auch gerade so, dass man es ertragen, sich nach einer Weile daran gewöhnt hatte.
Wenn man diese Last los ist, dann ist man erleichtert und froh und dennoch kann es sich seltsam anfühlen. Mir geht es jedes Frühjahr ein bisschen so, wenn ich die schwere und dicke Winterkleidung gegen die leichte Sommerkleidung tausche.
Ähnlich ist es, wenn ein lang empfundener Schmerz nachlässt, unser Organismus verfügt sogar über ein Schmerzgedächtnis, so, dass es manchmal die Tendenz gibt einen Schmerz weiter zu empfinden, obwohl der Reiz längst vergangen ist. Je länger so ein Reiz andauert, desto mehr lernen wir mit ihm zu leben, wir gewöhnen uns daran und nehmen es irgendwann garnicht mehr wahr. Erst, wenn es dann fehlt fällt es uns wieder auf, diese Veränderung fühlt sich dann seltsam an.
Vielleicht kennen Sie auch die Metapher vom Stein im Schuh an den man sich gewöhnt hat und der einem fast fehlt, wenn er entfernt wurde.
Das heimische oder gewohnte Schlammloch ist eben immernoch heimisch und vertraut, wir suchen das, was wir kennen, denn bekanntes gibt uns das Gefühl von Sicherheit und Sicherheit ist ein wichtiges Grundbedürfnis von Menschen.
Das kann zu dem seltsamen Effekt führen, dass wir lange am Gewohnten festhalten obwohl wir darunter leiden. „Menschen hassen Veränderungen“ las ich einmal und ja, das ist wohl so. Dann aber, wenn eine Veränderung stattgefunden hat, eine Verbesserung vielleicht, dann fragen wir uns manchmal, wiso wir uns nicht schon längst auf neue Wege begeben haben. Manchmal erinnern wir uns nicht einmal an die „alten“ Empfindungen und glauben fast, dass die Welt sich geändert hat.
Was sich verändert ist unsere Sicht auf die Welt. Stephen Porges hat heraus gefunden, das wir im angespannten Zustand wir neutrale Reize als Bedrohnung empfinden. Sind wir entspannt, dann bleiben sie neutral und gelangen vielleicht garnicht in unser Bewusstsein. Das ist ein erheblicher Unterschied, denn die meisten Reize sind neutral! Hinzu kommt, dass ein entspannter Mensch belastbarer, soueräner, toleranter, neugieriger und freundlicher ist, die Welt ist ihm oder ihr ein freundlicher Ort voller Möglichkeiten und Wohlwollen.
Wechseln wir vom „Problemzustand“ in den „Lösungszustand“, dann wechselt unser Gehirn, unser Organismus quasi die Brille – ganz andere Nervenbahnen, andere Hormone, neuronale Botenstoffe, eine andere Körperhaltung, Muskelspannung und sogar ein anderer Stoffwechsel werden aktiviert.
Zwischen diesen Beiden „Zuständen“ gibt es tatsächlich kaum eine Verbindung und das ist eben dann auch die Erklärung, warum wir uns mit einem Mal ganz anders fühlen, anders denken und handeln, aber auch, warum wir uns kaum an den voherigen Zustand erinnern.
Diese „State dependend memories“ – Ich-zustandsgebundenen Erinnerungen verhindern, im „Problemzustand“, dass wir Positives und Leichtes wahrnehmen und erinnern, deswegen finden wir auch jede Menge Beweise für unsere Idee von der Welt. Dies gilt natürlich ebenso für den Lösungszustand.
Die Frage ist also, ob wir in der Sonne -im Licht oder im Schatten -dem Dunkel sein und leben wollen. Die Welt ist immer beides, gleichzeitig, mindestens…
„Am Anfang ist es immer dunkel“, das sagt die kindliche Kaiserin in der Unendlichen Geschichte als Fantasia untergegangen ist. In ihrer Hand hält sie ein Sandkorn, einen kleinen Kristall. „Das ist alles, was von meinem großen Reich übrig geblieben ist“ führt sie fort. Aus diesem kleinen Sandkorn erwächst dann eine neue Welt.
In jedem Regentropfen, in jedem Hagelkorn ist ein winziges Staubkorn verborgen. Um dieses Staubkorn sammelt sich dann das Wasser bzw. das Eis an, diesen Kern nennt man Kristallisationskern. Das Sandkorn in der unendlichen Geschichte von Michael Ende wird ebenso zum Kristallisationskern für eine neue Welt.
Es gibt ein Modell der menschlichen Psyche in dem es die Vorstellung eines Wesenskerns eines Menschen gibt. Etwas, was den menschen im Wesentlichen ausmacht, was sozusagen stabil bestehen bleibt, auch dann, wenn sich alles andere ändert. Ob es diesen Kern wirklich gibt oder ob wir ihn vielleicht auch durch unsere Vorstellung setzen, das vermag ich nicht gänzlich erkennen.
Die Vorstellung eines innewohnenden Kristalls aber empfinde ich als durchaus zieldienlich. Ich nenne es den Herzkristall, einen Kern um den sich das Wesen und die Welt eines Menschen immer wieder neu entwickeln kann.
Am Anfang ist es immer dunkel – und in dunklen Seelennächten erkennen wir oft garnichts. Der oben genannte Spruch lässt uns kalt und kälter werden, wir empfinden ihn nicht als Trost sondern als unbeteiligten leeren Spruch. In so einer Nacht braucht die Seele Trost, Stille und Mitgefühl, eine Umarmung und Verständnis, nicht mehr und nicht weniger.
Das bedeutet, dass man nichts andere tun muss als „da“ zu sein, auch für sich selbst. Oft wollen wir das Leid schnell „wegmachen“, aber eine Wunde heilt nicht davon, dass man sie ignoriert oder ein Pflaster darauf klebt. Heilung braucht Raum und Zeit, nicht mehr und nicht weniger. Liebe drückt sich in Geduld aus und dann darf man erleben wie ein Wunder geschieht – alles was Du dafür brauchst ist Vertrauen…
Wir wissen es, du, Sie, ihr, wir, alle wissen es: Der Augenblick in dem Leben stattfindet ist immer nur JETZT – und? Was schert uns dieses Wissen? Die ewigen Augenblicke sind leider nur allzuoft die, in denen wir quasi einmal mehr in eine Art Bärenfalle treten, der unmittelbare Schmerz, die Verletztung, das Trauma erzeugen die Illusion von ewiger Gegenwärtigkeit.
Das kommt daher, dass unser Hirn in solchen Momenten in eine Art Notfallmodus schaltet. In diesem Modus gibt es weder Gestern noch Morgen, es gibt nur jetzt und jetzt muss man reagieren um zu überleben, schnell! Entweder kämpfen, weglaufen, sich totstellen, sich der Situation ganz und gar anpassen oder, wenn das alles nicht funktioniert sich dem nahen Ende ergeben…
Diese Reaktionen werden in der Traumatheorie Kampf, Flucht, Starre oder Unterwerfung genannt und wenn alles nichts hilft erfolgt die Dissoziation bei der man quasi abschaltet. Soweit, so gut. Leider ist es so, dass manche Menschen ihr halbes Leben in solchen Zuständen verbringen. Zum einen, weil sie nie gelernt haben, dass es überhaupt andere gibt, zum zweiten, weil sie nie gelernt haben sich selbst in (innere) Sicherheit zu bringen und zum dritten, weil sie in einem Umfeld aufgewachsen sind welches ihnen vermittelt, dass die Welt „nunmal kein Ponyhof“ ist.
Was, wenn man, wenn Du, Sie, ich, wir, wenn es auch ganz anders sein könnte(n)? Was, wenn Veränderung möglich wäre? Nein, nicht wie im Märchen in dem ein Prinz, eine gute Fee oder ein Opfer in einer Art Katharsis alles auflöst, nicht so, aber doch sehr ähnlich. Peter Levine hat heraus gefunden, wie man den inneren Alarm beenden kann, Steven Porges hat heraus gefunden, wie man sich in (innere) Sicherheit bringt…
Es gibt Wege und manchmal ist genau diese Erkenntnis schwer zu ertragen. All das Leid, all die Angst, all die Kämpfe, sollten sie quasi umsonst gewesen sein? Sollte man sich viele Jahre seines Lebens auf dem oder einem Holzweg befunden haben? Was sagte das über einen selbst? Was über die, denen man vertraute und denen man loyal verbunden ist?
Nun, dazu fallen mir zwei mögliche Reaktionen ein: Entweder ich beschließe, dass ich diesen Schmerz nicht ertragen will, definiere jegliche Veränderungsmöglichkeit als Mumpitz und verlache, ja behindere alle, die sich auf den Weg dorthin machen – oder ich stelle mich dem Schmerz, betrauere die vergeblichen Mühen, betrachte, dass ich mit meinem bisherigen Überleben immerhin eine gewisse Stärke gezeigt habe, bewahre die Erfahrungen als Schatz und Grundlage für Liebe und Mitgefühl mit mir, mit anderen und riskiere den Schritt ins Unbekannte.
Dami Charf hat einmal gesagt, dass sie früher glaubte, wenn sie sich nicht auf die Freude einließe würde sie auch den Schmerz nicht so sehr spüren. Später, hätte sie aber erkannt, dass man dem Leid nicht ausweichen könnte und es daher ebensogut mit dem Schönen versuchen könnte. Ich kann ihr sehr gut folgen, in Beidem.
Wer etwas will findet Wege, wer etwas nicht will findet Gründe…
Gegenwärtig sein, im JETZT sein, wahrhaftig anwesend zu SEIN bedeutet in Kontakt zu sein, mit sich, mit anderen, mit den Dingen, der Welt – nicht im Alarmzustand zu sein der einen auch alle neutrale Reize als bedrohlich erscheinen lässt. Es bedeutet auch aufmerksam zu beobachten anstatt automatisch zu bewerten und ja, das kann fast langweilig sein, wenn man so absichtslos durch die Landschaft streift. Deswegen werden lebendige Menschen verspielt, sie werden kreativ, sie beginnen ihre Zeit mit „unnützen“ Freuden, mit Kunst, Begegnungen, mit neugierigem Lernen und wunderbaren Ideen zu füllen… und, an alle Zweifler, ja, das ist gut so!
Und wenn dieser innere Alarm, wenn der Krieg vorbei ist, dann, erst dann gibt es wieder eine Zukunft, eine Vergangenheit und einen wirklichen ewigen Augenblick des Seins. Das liest sich wie ein Kalenderspruch: Aller Augenblick ist Ewigkeit… Jeder Kalenderspruch ist und bleibt leer solange er nicht mit (er)leben gefüllt wird…
Sie kennen das Spiel? Zwei Dinge tragen den Gleichen Namen – das ist lustig, wenn es um zwei Gegenstände geht die man offensichtlich klar voneinander unterscheiden kann, das ist schwierig bis tragisch, wenn es um nicht gegenständliche, ja selbstverständlich gebrauchte Worte geht, die scheinbar eindeutig sind. Dazu sind mir in kurzer Zeit nacheinander zwei „Geschichten“ passiert:
Ich wollte mir bei einer Freundin einen Koffer leihen, deswegen rief ich sie an. Auf meine Frage hin sagte sie: „Wann dachtest du denn, das du ihn holen kommst?“ Ich antwortete: „Demnächst, dachte ich“. Sie darauf überlegend: „Also ja, Morgen hab ich Frühschicht, dann muss ich noch…“ Ich war zuerst etwas verwirrt, dann aber ging mir ein Licht auf und ich unterbrach sie mit den Worten: „Ich meinte mit demnächst in etwa 10 Minuten …“ – Sie: „Ah, ok, dann bis gleich …“. Für sie war demnächst in den nächsten Tagen …
Ursprünglich kam ich auf den Gedanken mit dem Teekesselchen aber, weil ich mich mit jemandem fast eine Stunde über die Aussage „automatisch achtsam sein“ auseinander gesetzt hatte – für ihn ging „automatisch“ nicht achtsam, weil achtsam für ihn bewusst bedeutet und „automatisch“ etwas ist, was eher „unbewusst sein“ bedeutet. Zudem war „unbewusst sein“ eher als negativ bewertet worden, „bewusst sein“ dagegen positiv. Mir ist dann zu Hause eingefallen, dass ich automatisch vielleicht mit „selbstverständlich“ hätte ersetzen könnte… und viel später ist mir noch viel mehr dazu eingefallen, aber das schreibe ich vielleicht besser an einer anderen Stelle ;-).
Ich dachte die ganze Zeit an die Lernstufen: Unbewusst inkompetent, bewusst inkompetent, bewusst kompetent, unbewusst kompetent… sprich am Anfang weißt du nicht, was du nicht weißt, dann weißt du es und lernst bewusst neues Handeln und dann geht es irgendwann in ein Selbstverständnis über und man macht es unbewusst, eben selbstverständlich von innen, auf die neue Weise – dann nenne ich es „automatisch“ und deswegen geht für mich auch automatisch achtsam ;-)… Natürlich kam ich nicht darauf meinen, durchaus positiven Begriff von unbewusst zu erklären oder herzuleiten, denn mir war das Teekesselchen nicht gleich aufgefallen. Jetzt aber, da das Phänomen für mich einen Namen hat, bin ich etwas aufmerksamer geworden es zu erkennen. Teekesselchen sind mit den Missverständnissen eng verwandt. Es gibt bei genauerem betrachten ziemlich viele Begriffe, die dazu einladen sich buchstäblich in die Haare zu bekommen oder einfach Mist zu verstehen.
Was z.B. ist Achtung? Achtung im Sinne von Vorsicht oder Achtung im Sinne von Wertschätzung? Oder Was wäre Respekt? Eher Angst oder eher Bewunderung? Da gibt es sicherlich viele Beispiele. Worte sind nichts anderes als Namen für etwas Erfahrenes, ihre Bedeutung entsteht immer in dem Zusammenhang, in dem wir sie erlernen und wir erlernen sie eben nicht per Definition, sondern mit allen Sinnen und zudem noch in bestimmten Kontexten. In der Regel gibt es eine Empfindung die mit den jeweiligen Begriffen einhergeht. Was ist zum Beispiel Ruhe, was Stille? Gibt es einen Unterschied oder vielleicht doch nicht? Was ist Gelassenheit oder Achtsamkeit oder Bewusstheit oder Ganzheitlichkeit… Es mag da Definitionen geben die festgeschrieben wurden, aber welche Bedeutung haben diese, wenn wir im Allgemeinen ein Wort vielleicht anders benutzen. Das Wort krass z.B. hat einen Bedeutungswandel vollzogen von gegensätzlich / auffällig zu klasse /super – schauen Sie ruhig einmal nach wie viele Wörter da zur Erklärung für krass im Duden stehen… Worte werden zu Begriffen, wenn wir sie mit einer Empfindung belegen und diese Empfindung lässt uns dann etwas auch begreifen. Deswegen ist es sehr wichtig, dass man einander im Gespräch zuhört und versucht eine gemeinsame Sprache zu sprechen, im Dialog entwickelt sich dann ein Begriff vielleicht ganz neu. Wenn ich davon ausgehe, dass mein Begriff auch immer der Begriff meines Gegenübers ist, dann erlebe ich vielleicht manchmal mein blaues Wunder. Verstehen ist daher immer mehr als den Wortlaut zu übernehmen und manches lässt sich eben nicht so einfach erklären, da fehlen vielleicht dann Worte oder die Worte, die man benutzt erzeugen bei anderen nicht das Bild, was man selbst vor dem inneren Auge hat. Vielleicht lösen sie sogar eine Aversion aus und man wird urplötzlich in eine Schublade gestopft in der man sich weder heimisch noch zurecht, vielleicht auch nicht zu Recht findet. Ich empfehle genaues zuhören und nachfragen, vielleicht auch nachflicken und ab und an auch mal ein bisschen Flexibilität im Gebrauch von Worten. Wenn ein Wort immer wieder Aversion auslöst, dann kann ich mir überlegen, ob ich meinen Begriff durchsetzen möchte oder ob ich einfach heraus finde, wie mein Gegenüber dieses von mir gemeinte, den „Begriff“ benennt und seinen oder ihren dann in Zukunft ersatzweise nutzen – um der Verständigung willen.